Firmenbewertung – Theorie kontra Praxis

Firmenbewertung – Theorie kontra Praxis

 

Die Durchführung einer fachmännischen Firmenbewertung ist in verschiedenen Situationen angezeigt: wenn man die Firma verkaufen will oder wenn es um Güter- oder Erbteilungen geht. Viele Anbieter führen die Firmenbewertung im Angebot, die wenigsten vermögen jedoch praxistaugliche Ergebnisse zu liefern.

Von Richard Jauch

 

Theorien und Modelle der Firmenbewertung

Die Welt der Firmenbewertung wird von Theorien und Modellen dominiert. Vielleicht haben Sie von dem einen oder anderen schon gehört: Discounted-Cashflow-Modell, Substanzwerttheorie oder Multiplikatoren-Ansatz. Hinter jedem Ansatz steckt eine eigene Betrachtungsweise, wie das Wirtschaftsgut „ Unternehmen“ korrekt zu bewerten ist. Während das Discounted-Cashflow-Modell die Geldflüsse bzw. die Geldüberschüsse, die ein Unternehmen erzielt, als zentralen Wert erachtet, rückt bei der Substanzwerttheorie das Nettovermögen des Unternehmens , d.h. sämtliche Vermögenswerte abzüglich sämtlicher Verbindlichkeiten, in den Fokus. Beide Theorien stützen sich auf legitime Annahmen und beanspruchen daher zu Recht einen Platz im „Werkzeugkasten“ jedes Firmenschätzers. Am Beispiel dieser beiden Ansätze erkennt man aber auch, dass je nach Ausgangssituation die Ergebnisse weit auseinanderliegen können.

Hierzu ein Fall aus der Praxis: Einst betreute ich die Inhaber eines Maschinenbauunternehmens bei dem Verkauf ihrer Aktien. Der Betrieb erzielte jährlich einen Überschuss von rund CHF 400'000. In der Bilanz des Unternehmens stunden einem schuldenfreien Betriebsgebäude, einem brandneuen Maschinenpark sowie flüssigen Mitteln in der Höhe von knapp CHF 1 Million praktisch keine Verbindlichkeiten gegenüber. Die Nettosubstanz des Unternehmens belief sich auf 3 Millionen Franken, während die Bewertung nach der Discounted-Cashflow-Methode einen Wert von knapp CHF 2 Millionen ergab. Die Inhaber fragten in dieser Situation zu Recht, welcher Ansatz der Firmenbewertung nun der richtige sei.

Firmenbewertung

Firmenbewertung - Emotionen vs. Fakten

 

Modellgläubigkeit führt zu falschen Ergebnissen

 

Ich hätte es mir einfach machen und auf die herrschende Meinung verweisen können, dass in einer Investitionsrechnung letztlich nur die Überschüsse interessieren und somit einem Verfahren, das sich auf die Erträge des Unternehmens konzentriert, der Vorrang gebührt. Dies mag zutreffen, aber hätten sich die Inhaber der Maschinenbaufirma deshalb einfach eine Million Franken ans Bein streichen sollen? Konnte es wirklich sein, dass der Liquidationswert dieser Firma höher war als ihr Marktwert?

 

Anhand dieses Beispiels wird das Problem ersichtlich, das jeder Firmenbewertung zugrunde liegt. Natürlich gibt es leistungsfähige Modelle der Firmenbewertung, die weitherum anerkannt sind und eine legitime betriebswirtschaftliche Sicht reflektieren. Dennoch zwingt der Umstand, dass jedes Unternehmen einzigartig ist, jeden seriösen Schätzer zu einer Einzelfallbetrachtung. Blinde Modellgläubigkeit, die ich in meiner Karriere schon bei manchem Experten feststellen musste, führt zu falschen Ergebnissen und enttäuscht den Unternehmer, der die Firmenbewertung an der Realität scheitern sieht.

 

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Keine Firmenbewertung ohne Realitätstest

Wie kann man nun verhindern, dass der errechnete Firmenwert die Realität verfehlt? Die Zauberworte lauten „gesunder Menschenverstand“ und „Plausibilisierung“.

 

Zunächst sollte man einen Schritt zurücktreten, die Perspektive eines Firmenkäufers einnehmen und sich fragen: „ Wie viel würde ich für diese Firma bezahlen?“ Damit lässt man die theoretische Modellwelt kurz auf der Seite und übernimmt die Perspektive und die Überlegungen des realen Marktes. Die Durchführung einer Tragbarkeitsrechnung, wie sie Banken bei der Finanzierung von Firmenkäufen vornehmen, hat sich ebenfalls als hilfreich erwiesen. Denn reale Käufer orientieren sich bei der Preisfestsetzung für ein Unternehmen oft an den Banken und deren Berechnungsmustern und nicht an den gängigen Theorien der Firmenbewertung.

 

Der andere Realitätstest besteht darin, die Plausibilität des berechneten Firmenwerts durch einen Marktvergleich zu prüfen. Die realisierten Marktpreise von vergleichbaren Unternehmen werden herangezogen und daraus Verhältniszahlen gebildet. So stellt man zum Beispiel fest, dass bei 5 anderen Firmen aus der Maschinenbaubranche der erzielte Preis durchschnittlich dem 0,5-fachen des Umsatzes, dem 5-fachen des Reingewinns und dem 1,5-fachen des Bruttogewinns entsprach. Diese Verhältniszahlen wendet man nun auf das zu bewertende Unternehmen an und schaut, ob es auffällige Abweichungen zum errechneten Wert gibt. Unzulänglichkeiten der Modellrechnung können auf diese Weise geortet und bei Bedarf korrigiert werden.

 

Eine Firmenbewertung sollte man jemandem in die Hände geben, der Firmen regelmässig verkauft, den Markt kennt und über möglichst viele Daten von bereits verkauften Firmen verfügt. Nur diese Praxisnähe und Erfahrung stellen sicher, dass der Schätzer nicht einer realitätsfernen Modellgläubigkeit verfällt, sondern den praktischen Input liefert, auf den man bei einer guten Firmenbewertung nicht verzichten kann.

 

Übrigens: Die erwähnte Maschinenbaufirma verkaufte sich letztendlich für CHF 2.5 Millionen Franken. Offenbar nahm der Markt eine Mischrechnung vor, die Elemente der Ertragswert- und der Substanzwertbetrachtung beinhaltete.

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